Die Alawiten (auch „Alewiten“ geschrieben, vgl. dazu u.), arab. ʿAlawīyūn, benannt nach ʽAlî, dem Cousin und Schwiegersohn des islamischen Propheten Muḥammad, wie dessen Nachfolger als vierter Kalif,  stellen in Syrien, der Türkei und dem Libanon eine religiöse Minderheit dar. Abgeleitet ist die Glaubensrichtung zwar von der irâqischen ġulât-Sektion der Šîʽa des 11. Jh., weshalb die Alawiten sie auch als eine Art Weiterentwicklung der  Šîʽa empfinden.

Tatsächlich stellt sich das Alawitentum als synkretistischer Eklektizismus dar mit Einflüssen u.a. auch von der antiken spekulativen Philosophie wie der Neuplatonik, der Gnosis, dem Christentum und Zoroastrismus. Mit der arabisch-islamischen Eroberung ihrer Siedlungsgebiete wurde eine Konvertierung zum Islam (šîʽitischer Prägung) unumgänglich. Fast seit Anbeginn sind Alawiten (in der Türkei auch Nusayri-Aleviler genannt) mit der orthodox-sunnitischen Propaganda konfrontiert, die sie unter Berufung auf mittelalterliche Sektenbücher als häretisch bzw. Ungläubige (kuffâr, daher takfîr im Sinne von Verketzerung) verfehmt. Ihre Situation verschlimmerte sich in dieser Hinsicht unter dem Einfluß wahhâbiti­scher Prediger in den 1980ern.

1973 wurde in Syrien auf vehementen Druck orthodoxer Rechtsgelehrter, die sich auf eine sunnitische  Bevölkerungsmehrheit stützen können, ein Para­graph in die syrische Verfassung aufgenommen, der das Bekenntnis des Staatspräsidenten zum Islam obligatorisch macht. Schon Ḥāfiẓ al-As- sad, Vater und Vorgänger des jetzigen syrischen Staatschefs, versuchte durch demonstrative Teilnahme an islamischen Kulthandlungen und in öffentlichen Reden, seine Zugehörigkeit zum Islam herauszustellen.

Die Alawiten kennen keine religiösen Führer. Auch betont ihre Theologie den Vorrang des Glaubens vor der Durchführung von Riten und Kult, weshalb ihre Anhänger z.B. eher selten an den islamischen Kollektivgebeten teilnehmen und dadurch in der umma (negativ) auffallen. Die Gläubigen orientieren sich nicht an šarîʽa bzw. islamischem Kult, da der islamische Teil der Glaubensrichtung auf dem bâṭin-, also geheimen inneren Textverständ- nis des Korans basiert.

Abgesehen von der regionalen Verteilung auf verschiedene heute exis- tierende Staaten und damit einhergehend der  Sprachdifferenz gibt es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen “Alawiten” und “Alewiten”. Letztere Ausdrucksweise entspricht einer dialektalen Abweichung, da im Hocharabischen die Vokale “e” und “o” nicht existieren. Ein anderer Begriff für Alawiten ist: “Nusairier”, arab.: Nuṣairiyūn. Letzere Benennung geht zurück auf den Baṣrener Muḥammad ibn Nuṣair an-Namîrî al-Fahrî, der Mitte des 9.Jh. im Irâq gegen den erklärten Willen des 10. šiʽitischen Imâm ʽAlî al-Hâdî diesem eine  göttliche Natur zusprach und sich als seinen Propheten aus- sowie geheime Offen­barungen des verborgenen 11. Imams al-Ḥassan al-ʽAskarî zu empfangen vorgab.

Nähere Information bieten:

der Eintrag: Nuṣayriyya in der inzwischen leider nicht mehr deutsch- sprachig erhältlichen Enzyklopädie des Islam, d.i. Encyclopaedia of Islam (abgek. EI2). Diese ist nicht zu verwechseln mit einem islamischen Pro- pagandawerk, dem (unabsichtlich?) der gleiche Titel verpaßt worden ist.

oder der Artikel von Werner Arnold: Die Nusairier und ihre Rituale, in: Robert Langer u. a. (Hrsg.): “Migration und Ritu­altransfer. Religiöse Praxis der Aleviten, Jesiden und Nusairier zwischen Vorderem Orient und West­europa”, Frankfurt a. M. etc.  2005, S.305–313 (Heidelberger Studien zur Geschichte und Kultur des modernen Vorderen Orients, 33).

Es gibt drei im 20.Jh. durch sunnitische und šîʽitische Behörden erlassene fatâwâ, die den muslimischen Charakter der Alawiten anerkennen, nämlich: von 1926 durch den Großmufîi von Je­rusalem Ḥağğ Amîn al-Ḥussainî, 1972 durch Ayatullâh Ḥaassan Mahdî aš-Širâzî und 1973 von Mûsâ as-Sayyid aṣ-Ṣadr.

 

 

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