1740 veröffentlichte François Marie Arouet, besser bekannt als Voltaire, seine Tragödie Mahomet bzw. Le Fanatisme ou Mahomet le prophète. Als typisches Stück der Aufklärung und auch mit Rücksicht auf die Zen- surrichtlinien jener Zeit ist es ein religionskritisches, jedoch kein blas- phemisches Werk und verwirklichte als solches die in Friedrich Schillers Rede vom 26.6.1784 formulierte Vorstellung von der Schaubühne als einer moralischen Anstalt.

Dennoch wurde nach nur wenigen Aufführungen (Uraufführung am 10.4.1741 in Lille) der weitere Spielbetrieb durch die französische Zensurbehörde eingestellt, das Stück blieb bis 1751 in Frankreich verboten. Papst Benedikt XIV. zeigte sich weniger rigide. Als ihm der Autor 1745 sein Stück mit persönlicher Widmung* zuschickte, antwor- tete dieser dankend und ließ der Rücksendung sogar zwei Medaillen mit seinem Por­trät beilegen. Da Voltaire nun auf einen das Stück abseg- nenden päpstlichen Brief zurückgreifen konnte, ermöglichte dies Auf- führungen im katholischen Ausland, besonders an den sich als aufge- klärt präsentierenden Fürstenhöfen, die damit ihr dahingehendes An- liegen (Image) unterstreichen konnten.

Im 20. Jh. scheiterte jedoch eine Wiederaufnahme in Genf zum 300. Ge- burtstag des Dichters, der im Alter im nahen Ferney gelebt hatte. Das Projekt der Aufführung des „Mahomet“ durch den französischen Regis­seur Henry Loichemol stieß 1994 auf den vehementen Widerstand em- pörter muslimischer Interressensgruppen – u.a. agitierten Ṭâriq Rama- ḍân, Enkel des Gründers der berüchtigten Muslimbruderschaft Ḥassan al- Bannâ, sowie der Sprecher der Genfer Moschee, Ḥanîf Gouardini, erfolgreich dagegen – so daß das Vorhaben fallen gelassen werden mußte. Diese Entwicklung kann durchaus als Gradmesser des (zuge- lassenen) Ausmaßes der Meinungsfreiheit und des kritischen Denkens in unserer wie in früherer Zeit gesehen werden.

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* Voltaires Widmungsbrief an den Papst vom 17.8.1745 in englischer Übersetzung:

„Most blessed Father— Your holiness will pardon the liberty taken by one of the lowest of the faithful, though a zealous admirer of virtue, of submitting to the head of the true religion this performance, written in opposition to the founder of a false and barbarous sect. To whom could I with more pro­priety inscribe a satire on the cruelty and errors of a false prophet, than to the vicar and represen­tative of a God of truth and mer- cy? Your holiness will therefore give me leave to lay at your feet both the piece and the author of it, and humbly to request your protection of the one, and your benediction upon the other; in hopes of which, with the profoundest reverence, I kiss your sacred feet.“

Eine Inhaltszusammenfassung gibt die Seite:

http://de.wikipedia.org/wiki/Mahomet_der_Prophet

Einen schönen Einblick gewährt die Seite:

https://islam­prinzip.wordpress.com/mahomet/

Neben anonymen Übertragungen ins Deutsche aus den Jahren 1748 und 1749 und der weniger bekannten durch Johann Friedrich Löwen von 1768 existiert auch eine Theaterfassung (Uraufführung Januar 1800 im Weimarer Hoftheater) von Johann Wolfgang von Goethe, welche jedoch gerade den markanten, Voltaires Anliegen kritisch fokussierenden Schlußmonolog Muammads unübersetzt und damit einfach weg läßt.

Vor dem Endmonolog Mahomets ist folgendes passiert:

Palmire, die „Angebetete“ des eifersüchtigen Muḥammad, hat sich nach Entdeckung von dessen Intrigenspiel, dem sowohl ihr Bruder Seide als auch ihr Vater Sopir zum Opfer gefallen sind, erdolcht mit den Worten: „Je meurs. Je cesse de te voir, imposteur exécrable. Je me flatte, en mourant, qu’un dieu plus équitable réserve un avenir pour les coeurs innocents. Tu dois régner; le monde est fait pour les tyrans.“  In Goethes Worten: „Ich sterbe. … . Die Welt ist für Tyrannen, lebe du!“ (V,6).

Hier nun das anschließende französische Original Voltaires:

„Mahomet:

Elle m’est enlevée... ah! Trop chère victime!
Je me vois arracher le seul prix de mon crime.
De ses jours pleins d’appas détestable ennemi,
vainqueur et tout-puissant, c’est moi qui suis puni.
Il est donc des remords! ô fureur! ô justice!
Mes forfaits dans mon coeur ont donc mis mon supplice!
Dieu, que j’ai fait servir au malheur des humains,
adorable instrument de mes affreux desseins,
toi que j’ai blasphémé, mais que je crains encore,
je me sens condamné, quand l’univers m’adore.
Je brave en vain les traits dont je me sens frapper.
J’ai trompé les mortels, et ne puis me tromper.
Père, enfants malheureux, immolés à ma rage,
vengez la terre et vous, et le ciel que j’outrage.
Arrachez-moi ce jour, et ce perfide coeur,
ce coeur né pour haïr, qui brûle avec fureur.

(à Omar.)

et toi, de tant de honte étouffe la mémoire;
cache au moins ma faiblesse, et sauve encor ma gloire:
je dois régir en dieu l’univers prévenu;
mon empire est détruit si l’homme est reconnu."

Eine als „vollständig“ und „ungekürzt“ beschriebene, diesen Anspruch jedoch n i c h t verwirklichende, sogar brisante Stellen deutlich ab- schwächende englische Übersetzung von E. P. Dupont publishers (New York, 1901) lautet:

MAHOMET. She’s gone; she’s lost; the only dear reward I wished to keep of all my crimes: in vain I fought and conquered; Mahomet is  wretched Without Palmira: Conscience, now I feel thee, And feel that thou canst rive the guilty heart. O thou eternal God, whom I have wronged Braved and blasphemed; O thou whom yet I fear, Behold me self-condemned, behold me wretched, Even whilst the world adores me: vain was all My boasted power: I have deceived mankind; But how shall I impose on my own heart? A murdered father, and two guiltless children Must be avenged: come, ye unhappy victims, And end me quickly!      —Omar, we must strive To hide this shameful weakness, save my glory, And let me reign o’er a deluded world: For Mahomet depends on fraud alone, And to be worshipped never must be know.” (Quelle: http://www.freewebs.com/drjackwheeler/index.htm).

Deutscher Übersetzungsversuch (mit betonter Textnähe):

Sie ist mir genommen … Ach!  Zu teures, liebes  Opfer!  Ich seh` mir entrissen die  einz`ge Beloh­nung mei­nes Ver­bre­chens!

[Entrissen] ihren Tagen voll weiblicher Reize, bin ich es, abscheul`cher Feind, siegreich und macht­voll, den die Straf` ereilt.

Daher die Reu`! Oh Wut! Oh Gerech­tig­keit! Meine Verbre­chen foltern mein Herz!

Gott, dessen ich mich zum Unheil der Menschen bedient hab´, [oh] anbetungswürd`ges Instrument mei­ner schändlichen Absichten!

Du, den ich gelästert hab`, den ich trotzdem noch fürcht`, ich fühl` mich verdammt, obgleich die Welt mich verehrt.

Ich trotz` umsonst (den) Charakteranlagen, denen ich, ich fühl`es, ausgeliefert bin. Ich betrog die Sterb­lichen, vermag [aber] nicht, mich zu täuschen.

Vater, unglückliche Kinder, hingeschlachtet durch meine Raserei, rächt die Erde und Euch und den Himmel, den ich beleidigte.

Entreißt mir diesen Tag, und dies` heim­tück`­sche Herz, dies Herz geboren zum Haß, das brennt vor Ra­serei.

(zu Omar gewandt)                                                                                      

Und Du, lösch` die Erinn`rung an so viel (der) Schmach, verbirg` meine Hilf­lo­sig­keit  und bewahr` noch meinen Ruhm!     

An mir ist`s, in Gott die [vor-]gewarnte [doch unwissend verharrende] Welt zu regieren; meine Herr­schaft ist zerstört, sobald der Mensch ein­sich­tig, sobald er aufgeklärt ist.“

Bemerkungen zum Schlußmonolog:

Schon durch seine Stellung als letztes Wort des Schlußmonologs wie des ganzen Stückes überhaupt wird „reconnu“ , „einsichtig geworden“ bzw. „aufgeklärt“ hervorgehoben und dem bloßen „prévenu“ gegenüberge- stellt. Dieses Wort, das einem ganzen Zeitalter, einer umwälzenden gei- stigen Strömung seinen Namen gegeben hat, der Aufklärung. Die Ge- genüberstellung macht ein wesentliches Manko, auch unserer heutigen Zeit deutlich:

Oft liegen ja genügend Informationen vor, sie werden jedoch – auch be- züglich des Islam – oft nicht zur Kenntnis genommen, oder – versteckt in der Flut unwesentlicher Mitteilungen – nicht genügend beachtet, es wird nicht darüber reflektiert, die entsprechenden Schlußfolgerungen werden nicht gezogen. Statt hören sollte man stattdessen zu- bzw. hin-hören, statt sehen zu- bzw. hin- schauen, u.s.f. Dann müßte über das so Erfah- rene eigenständig nachgedacht werden. Erst wenn dies praktiziert wird, wird der Mensch als solcher einsichtig, wird er aufgeklärt sein. Am wun- derbarsten hat Immanual Kant, ein Zeitgenosse Voltaires, diesen Um- stand formuliert, der auch das Kapitel „Kritische Zitate …“ einleitet:

AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstver- schuldeten Unmündigkeit. Unmün­digkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Selbst­­­ver- schuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht aus Mangel des Ver­standes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedie­nen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (Immanuel Kant: „Was ist Aufklä­rung“, 30.9.1784, als Aufsatz erschienen in: Berlinische Monats­schrift, Dezemberheft 1784, S.481).

Schädliche Ideologien (welcher Art auch immer) hätten unter solchen Umständen keine Chance mehr, ihre „Herrschaft“ ist genau dann „zer- stört“.

Sowohl Voltaires seinem Mahomet in den Mund gelegte Feststellung wie Kants „Sapere aude!“ enthalten Forderungen, welche an Bedeutsam- keit über die Jahrhunderte nichts eingebüßt haben, vielmehr im Gegen- teil.

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